Juniorprofessur für Sexualwissenschaft und präventive Internetforschung

Die meisten Jugendlichen der Internetgeneration nutzen soziale Online-Netzwerke heute ganz selbstverständlich als partnerschaftlichen und sexuellen Erfahrungsraum. Internet- oder allgemeiner Medienkompetenz wird unter diesen Bedingungen zu einem zentralen Desiderat sexualwissenschaftlicher und sexualpädagogischer Bemühungen. Dies gilt auch und besonders mit Blick auf Erfahrungen Jugendlicher mit sexuellen Übergriffen und sexueller Gewalt: Das Internet wird dabei sowohl als ein – möglicherweise problematisches – Medium sexueller Sozialisation thematisiert, als auch als ein Ort, an dem sexuelle Übergriffe geschehen bzw. vorbereitet werden. Profunde Kenntnisse der Rolle des Internets sind daher Grundvoraussetzung für eine umfassende Präventionsstrategie und stellen eine (sexual-)pädagogische Schlüsselkompetenz dar.

In der öffentlichen Diskussion um sexuelle Grenzverletzungen gegenüber Kindern und Jugendlichen überschneiden sich drei Diskurse: Die Beschäftigung mit sexuellen Übergriffen und sexualisierter Gewalt im engeren Sinne wird dabei überlagert von teils besonnener, teils alarmistischer Medienkritik einerseits und einer vielgestaltigen Diagnose einer allgemeinen gesellschaftlichen Sexualisierung bzw. Pornografisierung andererseits. Die Vermischung von Missbrauchs-, Medien-, und Sexualisierungs- bzw. Pornografisierungsdiskurs wird insbesondere dann problematisch, wenn sie in eine pauschale Diagnose „sexueller Verwahrlosung“ mündet (z.B. Sigglekow und Büscher 2008), die sich bei kritischer empirischer wie theoretischer Reflexion nicht halten lässt. Ohne die mit der rasanten Entwicklung des Web 2.0 entstehenden neuen Gefahren und Entwicklungsaufgaben zu bagatellisieren, ist es insbesondere in Zusammenhang mit der Prävention sexueller Übergriffe und sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche entscheidend, die beobachtbaren Phänomene und die sich hieran anschließenden Fragestellungen sorgfältig zu differenzieren. Andernfalls läuft man Gefahr, Jugendsexualität pauschal zu problematisieren und pathologisieren, obwohl diese mittlerweile auch im Internet ihren legitimen Ort gefunden hat.

Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen hat das Institut für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf in Kooperation mit der Fakultät für Erziehungswissenschaft der Universität Hamburg eine „Juniorprofessur für Sexualwissenschaft und präventive Internetforschung“ eingerichtet, die das BMBF im Rahmen der Förderlinie “Sexuelle Gewalt in pädagogischen Kontexten”  fördert.

In der Lehre verfolgt die Juniorprofessur die Einrichtung eines interfakultären Lehrangebots für Studierende der Erziehungs- und Bildungswissenschaft, für Lehramtsstudierende, für Studierende der Medizin und der Psychologie, sowie für interessierte Studierende anderer Fakultäten. Dabei wird die Entwicklung und formative Evaluation eines verbindlichen Curriculums angestrebt.

In der Forschung untersucht die Professur drei übergeordnete Leitfragen, die im Rahmen unterschiedlicher Forschungsprojekte bearbeitet werden:

Darüber hinaus gehört auch die begleitende Lehrforschung zu den Aufgaben der Professur. Sie umfasst neben der die formativen Evaluation des neuen Lehrangebots auch die Ermittlung der Qualifikationsbedarfe Studierender unterschiedlicher Fachbereiche.

Die Professur ist seit dem 1.7.2013 besetzt, zwei Doktorandinnen und eine studentische Hilfskraft verstärken das Team. Ein interfakultäres Lehrangebot ist eingerichtet, eine enge Zusammenarbeit in Forschung und Lehre mit der „Juniorprofessur für Sexualpädagogik mit Schwerpunkt Gewaltprävention“ in Kiel vereinbart.